Katharina Lindner ist Germanistin und Soziologin. Sie arbeitet als Lehrerin an einer Oberschule und unterrichtet dort unter anderem Deutsch und Kunst. Sie hat mehrere Romane veröffentlicht, von denen besonders ihr Buch „Zeugnis einer Liebe“ über den Schriftsteller Oscar Wilde, das im Ancient Mail Verlag erschienen ist, für Anerkennung gesorgt hat.

Aktuell ist ihr neuster 564 Seiten starker historischer Roman über die Geschichte Eisenachs erschienen, verpackt in einer fantastischen Hintergrundstory: „Fredi. Wundersame Zeitreisen durch die Eisenacher Geschichte.“ Heute stellt sich die kreative Autorin unserem Interview.

Bücherwurm: Katharina, vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, uns die Fragen zu beantworten. Lass uns gleich mit der ersten Frage loslegen: Dein erstes Buch entstand während des Germanistik-Studiums. War das Studium ausschlaggebend dafür, dass du selbst zum Stift gegriffen und Bücher geschrieben hast, oder was war der Auslöser dafür?

Katharina: Wie die meisten Autoren habe ich ganz früh meine Liebe zum Schreiben entdeckt. Sie folgte der Liebe zum Lesen, der ich bereits als Kind nachging. Die ersten eigenen Geschichten tippte ich als Grundschülerin auf einer alten Schreibmaschine oder ich schrieb sie in diese kleinen, dünnen Schulhefte, die Erstklässler heute noch im Ranzen haben. Ich musste nicht überlegen, sie waren einfach da. Mein erstes „richtiges“ Manuskript verfasste ich mit Zwanzig, während der Elternzeit, als ich mit Baby zu Hause war.

Das Germanistik-Studium war dann eher die Folge meiner Liebe zu Büchern als die Ursache. Nach meiner Ausbildung zur Industriekauffrau war mir klar, dass ich mit dem Lernen noch nicht „fertig“ bin. Es trieb mich geradezu an die Universität und in der Tat eröffnete sich mir im Studium ein literarischer Himmel, den ich immer in schönster Erinnerung behalten werde. Man sagt, ein geisteswissenschaftliches Studium führt in der heutigen Welt quasi direkt in die Arbeitslosigkeit und unter rationalen Gesichtspunkten mag das stimmen. Aber für mich war es das wert, denn dieses Studium war nicht kühl kalkulierter Karrierestartpunkt, sondern ein einziges Geschenk – von mir an mich.

 

Bücherwurm: Deine Biografie klingt unglaublich spannend. Nach dem Studium hast du nicht direkt den Lehrberuf „angepeilt“, wenn man das so sagen darf, sondern vielfältige Erfahrungen in verschiedenen Berufen gesammelt. Aber alles oder Vieles hatte etwas mit Schreiben zu tun. War dir das wichtig oder wie kam es zu dem buntgemischten Lebenslauf?

Katharina: Meine beruflichen Stationen entsprangen manchmal der Lust und manchmal der Notwendigkeit. Ich hatte ein Kind großzuziehen und damit Verantwortung. Das bedeutet natürlich, dass man flexibel sein und sich schnell auf neue Situationen einstellen können muss. Manchmal verkauft man sich zwangsläufig unter Wert, manchmal bleibt die Freude in einem Job auf der Strecke, wenn die Arbeitsbedingungen schlecht, die Aufgabenfülle zu groß und der Arbeitsvertrag befristet sind. Zuweilen ist man von Existenzängsten und großem Druck getrieben und ist sich für keine Arbeit zu schade, um den Kühlschrank zu füllen. Aber im Großen und Ganzen hatte ich mit meinen Jobs Glück:

Ich hatte die Chance, mich in vielen Tätigkeiten und Branchen auszuprobieren, von der klassischen Arbeit im Büro über die Landespolitik bis hin zu Beratung von Menschen. Ich durfte journalistisch und im Bildungsbereich arbeiten. Ich habe viel gesehen und gelernt. Und das ist gut so, denn Grenzen sind nichts für mich. Einige Jobs hatten auch mit dem Schreiben zu tun, aber das war nicht meine Prämisse bei der Auswahl. Das Schreiben von Romanen lief immer parallel zum Broterwerb.

 

Bücherwurm: Nach deinem wunderbaren Buch über Oscar Wilde hast du lange nichts mehr von dir hören bzw. lesen lassen, bis jetzt „Fredi“ erschienen ist. Was war der Grund für diese lange kreative Pause? Haben die Recherchen für das Buch sich hingezogen oder lässt dir dein Beruf als Lehrerin einfach keine Zeit für die Schreiberei?

Katharina: Nach „Zeugnis einer Liebe“ im Jahr 2005 habe ich nicht aufgehört zu schreiben, ich habe nur nicht mehr veröffentlicht. Es schlummern also einige fertige Manuskripte auf der Festplatte. Für „Fredi“ habe ich allerdings in der Tat sehr ausführlich und lang recherchiert und auch das Schreiben zog sich über ein Jahr hin. Weil es mir wichtig ist, finden solche Tätigkeiten auch in meinem Alltag Platz. Ich schaffe mir Freiräume, weil ich die zum Ausgleich brauche. Entscheidend dabei ist vor allem die Unterstützung durch Partner und Familie, da braucht es viel Toleranz.

Außerdem denke ich, meine Arbeit als Lehrerin wird durch das Schreiben positiv beeinflusst. Wie sollte man auch Literatur und Textarbeit vermitteln, wenn man das Handwerk selbst nicht ausübt? Wie kann man den Kids kreative Schreibaufgaben schmackhaft machen, wenn man seine eigene Kreativität brachliegen lässt? Lesen, lernen, schreiben, lehren – das geht für mich alles Hand in Hand.

 

Bücherwurm: Kannst du etwas über „Fredi“ erzählen? Worum geht es darin und wie wurde die Idee dazu geboren? Was willst du dem Leser mit der Geschichte transportieren?

Katharina: Als Eisenacherin wächst man mit den Geschichten um Bach, Luther und die Landgräfin Elisabeth auf. Sie sind allgegenwärtig. Ich habe irgendwie schon immer gedacht, wenn ich auf der Wartburg oder in der Innenstadt unterwegs war: Mensch, hier ist so viel passiert, warum fasst das nicht mal Einer zusammen? Plötzlich war die Grundidee da. Als ich dann anfing, ernsthaft zu recherchieren, fiel mir auf, dass ja noch viel mehr Spannendes in Eisenach passiert war. Ich stieß auf Goethe, Wagner, die Hexenverfolgung, Brand- und Pestkatastrophen, Kriege und vieles mehr. Also war schließlich ich diejenige, die alles zusammenfasste und siebenhundert Jahre Geschichte in einer spannenden Story verpackte.

„Fredi“ ist eigentlich ein Roman über eine Frau in der Mitte des Lebens, die Bilanz zieht. Es geht um die eigene Identität, Träume und Wünsche, die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und dem eigenen Leben. Es geht darum, dem eigenen Weg zu folgen und sich nicht beirren zu lassen, wenn Probleme auftreten. Meine Hauptfigur Hanna bekommt dabei Hilfe von der Puppe aus ihrer Kindheit, eben „Fredi“. Die Zeitreisen dienen dabei der eigenen Entwicklung und helfen bei Erkenntnissen, die Hanna Stück für Stück in ihrer Gegenwart für sich nutzt. Hannas DDR-Vergangenheit und ihre Erfahrung, plötzlich heimatlos und desorientiert in eine völlig fremde Welt geworfen zu werden, bringt auch ein Thema hinein, das eine politische Brisanz und Aktualität hat. Und niemals langweilig wird natürlich gut aufbereiteter Familienzoff. Hanna und ihre Heimatstadt Eisenach werden dank der Reisen durch die Geschichte Freunde. Letzen Endes beantwortet das Buch eine zentrale Frage auf seine ganz eigene Weise: Was ist Heimat und wo findet man sie?

 

Bücherwurm: Du hast weitere Bücher in Planung. Woher nimmst du deine Inspirationen? Nimmst du dir bestimmte Themen vor oder finden die Themen dich einfach? Womit müssen wir als nächstes rechnen?

Katharina: Ich glaube, viele Leute denken, ein Schriftsteller setzt sich an den Schreibtisch, nimmt einen Schluck schwarzen Kaffee, lehnt sich zurück und dann wird er von der Muse geküsst und schreibt wie im Wahn drauflos, bis ein Buch fertig ist. Es funktioniert aber viel profaner: Man hat eine Idee und dann fängt man an, an ihr herumzubauen, wie ein Architekt an einem Gebäude. Ich tue das mit Stift und Papier, gestalte Mindmaps, Tabellen, Listen. Ich kreiere, sortiere, schichte um, verwerfe, bis meine Geschichte ein Gerüst hat. Dann schreibe ich, indem ich mich an dem Gerüst entlanghangle. Es ist viel Handwerk mit ein bisschen Magie und einer Prise Talent für Formulierungen.  Aber vor allem ist es die Liebe zum Tun, die wir auch als „Flow“ kennen. Dieser Zustand ist einmalig und wunderbar.

Themen, über die zu schreiben sich lohnt, findet man immer und überall auf der Welt, man muss nur mit offenen Augen durchs Leben gehen. „Fredi“ ist ein Buch, das etwas Zauberhaftes in die reale Welt bringt, eine Art „magischer Realismus“. Diese Kombination finde ich nach wie vor reizvoll, weshalb auch mein aktuelles Projekt Realität und Fantasy vermischt.

 

Bücherwurm: Hast du neben dem Job und der Schreiberei noch Zeit für Hobbys?  Womit beschäftigst du dich, wenn du nicht gerade arbeitest?

Katharina: Ich stelle Perlenschmuck her und bin gern künstlerisch tätig, fotografiere, binde Bücher, bastle Collagen, fühle mich mit Farbtuben um mich herum zufrieden und ausgefüllt. Entspannung finde ich im heimischen Garten und – ganz wichtig – mit meinem Lebensgefährten auf Reisen.

 

Bücherwurm: Vielen Dank für das spannende und ausführliche Interview und viel Erfolg mit deinen nächsten Projekten!

 

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