Der Autor und Texter Christian Schultze hat einen besonders interessanten aber auch schwierigen und ungewöhnlichen Lebensweg. Er studierte katholische Theologie und arbeitete nach seiner Weihe zum Diakon im Jahr 1998 ab 1999 als Priester und Seelsorger in verschiedenen Gemeinden.

Aufgrund seiner freundlichen und empathischen Art war er sehr beliebt und er wiederum liebte seinen Beruf und die Gabe, Menschen zu helfen. Leider gab es einen Haken an der Sache, der der römisch-katholischen Kirche nicht gefiel: Christian Schultze gestand seine Homosexualität und wurde aus dem priesterlichen Dienst entlassen. Heute arbeitet er als Autor und Texter sowie als freier Theologe – und ist mit der Liebe seines Lebens verheiratet!

 

Bücherwurm: Lieber Christian, vielen Dank, dass du dich zu einem Interview bereit erklärt hast. Dein Lebensweg berührt noch immer gesellschaftliche Tabuthemen. Dennoch stehst du dazu und du sprichst sogar darüber. Man kann sich kaum vorstellen, wie schwer es für dich gewesen sein muss.

Priester zu sein, war sehr wichtig für dich, doch heute arbeitest du als Autor. Wie schwer war diese Umstellung für dich oder wie sehr vermisst du deinen ursprünglichen Beruf?

Christian: Ich habe den Priesterdienst nicht nur als Beruf angesehen, sondern mich von Gott gerufen gefühlt. Deshalb war der Schritt zum Outing vor meinem Erzbischof im Jahre 2007 nicht ganz einfach und ich habe lange mit mir gekämpft. Letztlich hat aber der Wunsch gesiegt, nicht mehr alleine zu leben und ich habe meine Entscheidung nie bereut. Trotzdem war es ein tiefer und lange schmerzhafter Einschnitt, plötzlich nicht mehr das tun zu dürfen, was mir am wichtigsten war, nämlich den Menschen in meiner Gemeinde in jeder nur denkbaren Situation beizustehen. Wenn ich heute, was nicht allzu oft vorkommt, Trauungen halte oder Beisetzungen begleite, dann spüre ich noch sehr stark, wie sehr mich diese Arbeit geprägt hat.

 

Bücherwurm: Die Umstände, die dazu geführt haben, dass du deinen Beruf nicht mehr ausüben kannst, sind ungewöhnlich. Und noch immer ein kontroverses Thema. Wie schwer war es, den Entschluss zu fassen, deinen Vorgesetzten reinen Wein einzuschenken? Hast du bereits geahnt, was sich anschließend abspielen würde?

Christian: Mich vor meinem Erzbischof zu outen, war in der Tat nicht ganz einfach. Ich hatte ihn bis zu diesem Zeitpunkt zwar als sehr offen und mitfühlend erlebt. Dann aber vor ihm zu sitzen und ihm zu sagen, dass ich schwul bin, einen Freund habe und so nicht weiterleben kann, war ein hartes Stück Arbeit für meine Seele. Seine Reaktion machte mir dann aber deutlich, woran es in der Kirche bis heute krankt, an Verständnis, Offenheit und die Bereitschaft, wissenschaftliche Erkenntnisse anzuerkennen. Er schlug nämlich zunächst vor, alles unter den Teppich zu kehren und als ich dies ablehnte empfahl mir eine Therapie. Da wusste ich, dass es richtig war, mich zu outen und letztlich zu gehen.

 

Bücherwurm: Deine persönlichen Erlebnisse und den Umgang der Kirche mit Homosexuellen, aber auch mit homosexuellen Priestern, hast du in deinem E-Book „Kirche unterm Regenbogen“ verarbeitet. Hast du darin auch Lösungsvorschläge für den Umgang mit diesem Thema angeboten? Wie würden diese aussehen?

Christian: Ja, dieses E-Book ist aus einzelnen Artikeln entstanden, die ich in den ersten Jahren nach meinem Rauswurf (ich stehe übrigens heute noch unter Kirchenstrafe und habe mich 2010 durch meinen Kirchenaustritt sozusagen selbst exkommuniziert) veröffentlicht habe. Die Lösung wäre eigentlich ganz einfach, die römisch-katholische Kirche müsste nur in der Gegenwart ankommen und aufhören, an ihrem überkommenen Menschenbild und ihrer verklemmten Sexualmoral festzuhalten. Die Menschen sind nicht mehr so blind gehorsam, wie im Mittelalter. Vor allem die jungen Leute rennen der römischen Kirche in Scharen weg und auch viele ältere Mitglieder machen sich zunehmend kritische Gedanken und äußern sie auch. Die gesamte Führungsriege, also der Papst, die Kardinäle und Bischöfe sowie die Priester mit hohen Posten müsste sich endlich von ihren Allmachtsfantasien befreien und erkennen, dass sie mit ihrem Verhalten ein echtes Glaubwürdigkeitsproblem heraufbeschworen haben, das der römischen Kirche nachhaltigen Schaden zugefügt hat.

 

Bücherwurm: Du bist als begabter Autor und Texter natürlich nicht über deine Vergangenheit und deinen Umgang mit der Kirche und der Homosexualität definiert. Aber wirst du bei deiner Arbeit oder im Alltag dennoch damit konfrontiert oder negativ angegangen? Welche Steine werden dir in den Weg gelegt und wie gehst du damit um?

Christian: Ich habe ja lange Jahre als Geschäftsführer für einen schwulen Verein gearbeitet und kenne Anfeindungen, denen Homosexuelle ausgesetzt waren und sind. Gerade im Moment erleben wir einen Backlash, der uns zu denken geben sollte und dem wir entgegensteuern müssen. Ich persönlich kann behaupten, nur sehr wenige negative Erfahrungen gemacht zu haben. Klar spürt man den einen oder anderen Blick, wenn man seinen Mann auf der Straße an der Hand hält oder ihn küsst. Aber direkt angegriffen wurde ich/wurden wir bisher noch nicht. Bei meiner Arbeit als Texter spielt meine sexuelle Orientierung überhaupt keine Rolle, es sei denn, jemand benötigt Texte, die sich mit dem Thema befassen.

 

Bücherwurm: Aus deiner Arbeit als Seelsorger weißt du, mit welchen Problemen Menschen konfrontiert werden und hast ihnen geholfen, Auswege zu finden. In deinem Buch „Weil die Seele Nahrung braucht: 100 kleine Weisheiten für den Alltag“ finden sich Sinnsprüche, die aufbauen und Trost spenden wollen. Diese Weisheiten haben auch dich gestärkt.

Kannst du den Menschen neben diesen Weisheiten auch ein Vorbild sein, indem du zeigst, wie du mit deiner persönlichen schwierigen Situation umgegangen bist oder umgehst und ihnen dadurch Lösungen aufzeigen? Oder siehst du dich selbst gar nicht so sehr in dieser Position?

Christian: Ob ich für Menschen ein Vorbild bin, kann ich selbst nicht beantworten. Ich versuche einfach positiv zu denken und empfinde jede einzelne Erfahrung, die ich mache, als etwas, das mich weiterbringt. Es heißt ja so schön, dass wir Menschen aus Erfahrung klug werden, das ist auch meine Denkweise. Natürlich freue ich mich, wenn andere über mich und mein Leben lesen und etwas für sich selbst daraus lernen können, aber es gibt sicher andere Menschen, die wesentlich größere Vorbilder sind. Die 100 kleinen Weisheiten in „Weil die Seele Nahrung braucht“ sind das Ergebnis eigener Erfahrungen, ich habe einfach in Worte gefasst, was mein Herz in einzelnen Situationen gesprochen hat. Für mich ist das ein großer Schatz, den ich mit anderen teilen wollte. So ist das Buch entstanden.

 

Bücherwurm: Als Autor bist du ständig von Inspirationen umgeben, die dich zu neuen Texten, Büchern und Projekten führen. Wodurch wirst du am besten inspiriert und an welchem Buch oder Projekt arbeitest du derzeit?

Christian: Ich versuche, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen und das, was ich sehe und höre, inspiriert mich. Im Augenblick arbeite ich an meiner Autobiographie, denn viele meiner Freunde und Bekannten haben immer zu mir gesagt, dass mein Leben so ungewöhnlich verlaufen ist, dass man es schriftlich festhalten sollte. Außerdem schreibe ich gerade noch an zwei Romanen, einer wird das Genre der Fantasy bedienen, der andere ist eher ein Krimi mit schwulem Touch. Diese beiden Werke stehen aber noch eher am Anfang, bei meiner Autobiographie steht gerade das Korrekturlesen an. Ich hoffe, dass ich sie noch in diesem Jahr veröffentlichen kann.

 

Bücherwurm: Wir sind schon sehr gespannt, auf die Autobiographie. Vielen Dank für das interessante und offene Interview und weiterhin viel Erfolg mit deinen Büchern!

Christian: Vielen Dank!

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